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Ein Danke - Jörg Knobloch

Die Rucksackbücherei wurde von Jörg Knobloch ins Leben gerufen und ich möchte an dieser Stelle ein Schreiben seines damaligen Verlegers wiedergeben, da Jörg vor einigen Jahren verstarb.

Jörg.
Anmerkungen seines Verlegers Frohmut Menze
(die Nachricht von seinem Tod trifft ihn im Ausland. An seiner Beerdigung kann er nicht teilnehmen).

Wer eigene Kinder und Enkel hat, der darf das immer wieder selbst erleben, was Goethe so formuliert: „Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies.“
Wir aber merken es: Dann kommen diese kleinen hellen Wunder in die Schule - und der Witz, die Lebensfreude und die Neugierde sind dahin.
Dass das nicht einfach so weitergeht, ist eines von Jörgs Anliegen: Er wirkt sein Leben lang an einem weiteren Wachsen seiner Schülerinnen und Schüler mit – und auch selbst ist er ein Beispiel dafür.

Einige Jahrzehnte lang bin ich mit dem AOL-Verlag einer seiner Verleger und er mein Lieblingsautor und Freund.
Als wir uns das erste Mal zu einem Buchprojekt verabreden, frage ich ihn, weil ich ihn am Bahnhof abholen werde, wie ich ihn erkenne und er meint: mittelgroß, Brille, Haare etwas zu lang, Bart ... und ich antworte ihm: dito!
Als meine Frau uns kommen sieht, lacht sie und meint: die 68er-Zwillinge ...

Von Jörg erfahre ich von den Lesenächten, die er organisiert, in denen die Schüler mit ihren Lieblingsbüchern in der Schule oder in einer Bücherei übernachten und am nächsten Morgen gemeinsam und übermüdet und angefüllt mit Lesegeschichten frühstücken.

Oder sein Freiarbeit-Projekt Rucksackbücherei: 30 Rucksäcke mit jeweils 30 Büchern und einer genauen Gebrauchsanleitung für Lehrer und Schülerinnen wandern auf dem Rücken der kleinen Lesebotschafter im wiedervereinigten Deutschland nach Ost und West kreuz und quer von den alten in die neuen Bundesländer und wieder zurück und jeweils stellen die Schüler der letzten Klasse den neuen Rucksackinhabern ihre Lieblingsbücher vor: Offener Literaturunterricht für die Grundschule und die Sekundarstufe und ein Beitrag zur literarischen Wiedervereinigung.
Und Jörg schafft es, von den Verlagen die Bücher alle umsonst zu bekommen: er ist so genuin freundlich und ernsthaft. Und die Rucksäcke organisiert er auch.
Uns erreichen begeisterte Briefe und Berichte und Lesetagebücher.
Sein Buch „Referate halten lernen“ ist in Tausenden von Schulen DIE Gebrauchsanleitung für Schülerinnen und Lehrer.

Wann immer wir eine – manchmal auch verrückte - Idee haben, Jörg greift sie begeistert auf, verbessert und realisiert sie, gewinnt Mitdenkerinnen, findet immer wunderbar seltene und passende Briefmarken zur Illustration – und wieder ist da ein großartiges Werk für die Hand der Schüler.

Über Jahrzehnte hinweg betreut, ermutigt und motiviert er die Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien in der GEW. Seine Beiträge in den Schulbüchern verschiedener Verlage füllen Regale in Kinder-, Arbeits-, Klassen- und Lehrerzimmern.

Die bayrische Kultusverwaltung verhindert seinen Aufstieg und muss ihm irgendwann zumindest eine Konrektoren-Stelle anbieten, um nicht eine Verwaltungsgerichtsniederlage zu riskieren, ihm, dem Dr. Jörg Knobloch, gelernter Buchhändler, studierter Lehrer, promoviert bei Malte Dahrendorf, Lehrender an der Universität München.

Jörg ist der unbestechlichste Mensch, den ich kenne.
Als wir für BMW ein gewaltiges didaktisches Werk zusammenstellen, steigt er aus, als ein Professor, in dessen Einflussnahme er nationalistische Elemente erkennt, sein Projekt zu beeinflussen versucht.
Jörg hält in seinem Bundesland die Fahne der GEW hoch, in dem das allein schon Sünde ist.
Er formuliert genau, beharrlich, unnachgiebig, feinsinnig und immer auf den Punkt gebracht.
Und mit feinem Humor.
Jahrzehnte lang begleitet er mit seinen Büchern, Vorträgen und Anstößen die Reformen in den Grundschulen und in den Sekundarschulen – nicht nur in der Literaturdidaktik.
Jörg ist integer. Er ist mein Vorbild. Er fehlt mir.

Sein Rückzug aus seinem Leben hat sich schon seit längerem angekündigt.
Im Literaturbetrieb in Deutschlands Schulen ist es seit einiger Zeit ruhiger. Von Lesenächten und Rucksackbüchereien liest man nur noch selten und wenn doch, dann wissen wir: das hat eigentlich Jörg erfunden.
Seine Jahrzehnte der Theorie und der Praxis eines engagierten Literaturunterrichts prägen eine ganze Generation von Schülern und Lehrerinnen und eröffnen ihnen neue Perspektiven.

Jörg Knobloch – was für ein Leben.

Danke an Jörg und seiner Frau, Hertha und Frohmut! Ich werde das Projekt gern weiterführen.